Aufbruch
„Und dann ging auf einmal alles ganz schnell.“
Ich ahnte schon eine ganze Weile, dass ich nicht für immer an diesem Ort bleiben würde. Zog es mich an einen bestimmten anderen Ort? Nein. Hatte ich einen konkreten Plan? Nein. Aber da war dieser Gedanke, dass etwas anderes kommen würde.
Ich hatte bereits darüber geschrieben, dass ein Ort nicht für immer der richtige sein muss, um genau für eine bestimmte Zeit der richtige gewesen zu sein. Acht Jahre sind eine lange Zeit. Ich habe dort viel erlebt, mich verändert, bin gewachsen. Und irgendwann war da dieses Gefühl, dass meine Zeit dort zu Ende gehen könnte.
Nur wohin sollte es gehen? Und vor allem: Wie sollte das aussehen? Ich hatte keine konkrete Vorstellung. Ein neuer Job, eine andere Wohnung, irgendeine Möglichkeit, die mir einen Hinweis gab. Mehr als diese vage Ahnung, dass sich etwas ändern würde, gab es zunächst nicht.
Und dann kam dieses Jobangebot. Gefühlt vom Himmel gefallen.
Zwei Wochen später sollte ich bereits meine neue Arbeit antreten. Andere Stadt, komplett anderes Umfeld, rund 2.000 Kilometer weiter nördlich. Die Wohnung auflösen, entscheiden, was mitkommt und was zurückbleibt, organisieren, packen, Abschied nehmen. Alles innerhalb kürzester Zeit. Während ich noch mein bisheriges Leben sortierte, wartete am neuen Ort bereits die erste Arbeitswoche auf mich.
Der Gegensatz hätte kaum größer sein können. Eine ganze Weile hatte ich das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Ich hatte über Veränderungen nachgedacht, Möglichkeiten in mein Leben eingeladen, aber nichts Konkretes war daraus geworden. Und dann kam dieses Angebot, und plötzlich gab es Termine, Fristen und jede Menge zu erledigen.
Allerdings musste ich erst einmal eine Entscheidung treffen: Gehen oder bleiben?
So klar die Gelegenheit vor mir lag, so wenig wusste ich darüber, was mich erwarten würde. Ein neuer Job ist schließlich keine Garantie dafür, dass auch alles andere gut läuft. Eine andere Stadt muss einem erst einmal gefallen, ein neues Umfeld vertraut werden. Und ob das Leben dort tatsächlich so aussehen würde, wie ich es mir vielleicht erhoffte, konnte mir niemand sagen.
Ich hätte auch bleiben können. Das wäre vermutlich der weniger aufwendige Weg gewesen, zumindest kurzfristig. Aber ob ich dort glücklicher geworden wäre, ob sich etwas anderes ergeben hätte oder ob ich mich irgendwann über die verpasste Gelegenheit geärgert hätte, wusste ich genauso wenig.
Beide Wege waren offen. Beide mit ungewissem Ausgang.
Also habe ich mich entschieden zu gehen.
Was das konkret bedeutete, wurde spätestens beim Packen deutlich. Außer meinen persönlichen Sachen, Fotoalben, Unterlagen und einigen Habseligkeiten, die meine Wohnung gemütlich gemacht hatten, nahm ich nichts Großes mit. Am Ende waren es 25 Kartons, 2 Fahrräder, 2 liebgewonnene Konsolen-Tische. Ich löste ein halbes Leben auf und musste entscheiden, was davon mit mir weiterreisen sollte.
Packen ist für mich ohnehin eine ziemlich stressige Angelegenheit. Ich bekomme innerlich ein Chaos, wenn ich das Gefühl habe, nicht rechtzeitig fertig zu werden. Und so stapelten sich die Kartons nach und nach im Wohnzimmer, während die Zeit immer knapper wurde. Obwohl ich einen Großteil meines Hab und Guts zurückließ, fühlte ich mich schwer beladen. Die Kartons standen da wie eine sichtbare Erinnerung an all das, was noch erledigt werden musste.
Dann kam die Umzugsspedition. Die Kartons und alles andere wurden abgeholt, und plötzlich stand ich in einer leer geräumten Wohnung.
Was für ein Gefühl! Mit einem Mal war da Platz. Kein Stapel mehr, der mich an die nächste Aufgabe erinnerte, keine Kartons, die noch gepackt oder verschlossen werden mussten. Ich stand in den leeren Räumen und fühlte mich erstaunlich frei.
Das hielt allerdings nicht ganz an. Denn nun war das Gepäck unterwegs zu meinem neuen Wohnort. Die Dinge, die ich ausgesucht hatte, um sie mitzunehmen, reisten mir hinterher. Und mit ihnen kam dieses unangenehme Gefühl zurück, dass ich „das schwere Gepäck“ zwar aus der Wohnung geschafft hatte, es aber noch lange nicht los war.
Heute lebe ich in einer möblierten Interimswohnung. Die meisten meiner Sachen sind eingelagert. Und was mich selbst überrascht: Wirklich vermissen tue ich davon erstaunlich wenig.
Ich hätte vorher vermutlich nicht gedacht, dass das so sein würde. Schließlich hatte ich viele Jahre an einem Ort gelebt und dort Dinge angesammelt, die zu meinem Alltag gehörten. Manche hatten einen praktischen Wert, andere eine Geschichte. Trotzdem fehlt mir im Moment erstaunlich wenig davon.
Der Umzug war jedenfalls mehr als ein Ortswechsel. Ich musste entscheiden, was aus meinem bisherigen Leben mitkommen sollte, obwohl ich noch gar nicht wusste, wie mein neues Leben aussehen würde. Während ich die Kartons packte, hatte ich wenig Zeit, über die Bedeutung dieser Entscheidungen nachzudenken. Ich musste sie einfach treffen.
Rückblickend finde ich den Wechsel von der langen Stockung zum plötzlichen Tempo immer noch erstaunlich. Erst passiert gefühlt gar nichts, und dann überschlagen sich die Ereignisse. Was über Monate unklar geblieben war, bekam innerhalb weniger Tage eine ganz konkrete Form.
Ich hatte mir den neuen Job nicht ausgemalt, um anschließend zu versuchen, meine Vorstellung Wirklichkeit werden zu lassen. Das Angebot kam tatsächlich überraschend. Und dann stand ich vor einer Möglichkeit, die so deutlich war, dass ich mich entscheiden musste. Natürlich hätte ich absagen können. Aber ich wollte wissen, was daraus wird. Dafür war ich bereit, meine vertraute Umgebung aufzugeben und mich auf etwas einzulassen, dessen Ausgang ich nicht kannte.
Heute bin ich hier. Der alte Ort liegt hinter mir, der neue Alltag hat begonnen. Ich gehe zur Arbeit, lerne die neue Umgebung kennen und muss mich in vielem erst zurechtfinden. Gleichzeitig gibt es noch genug zu regeln und zu sortieren. Ein Umzug über eine derart weite Distanz erledigt sich schließlich nicht allein dadurch, dass man angekommen ist.
Manchmal staune ich darüber, wie schnell das alles ging. Vor nicht allzu langer Zeit war die Veränderung noch eine Vorstellung ohne konkreten Ansatzpunkt. Dann kam dieses eine Angebot, und zwei Wochen später war ich unterwegs.
Ob ich in ein paar Jahren sagen werde, dass es die richtige Entscheidung war? Das kann ich heute noch nicht beantworten. Ich weiß nur, dass ich mich damals entschieden habe, obwohl ich den Ausgang nicht kannte. Und dass ich jetzt tatsächlich hier sitze, in einem Leben, das vor Kurzem noch gar nicht meines war.
Ich bin gegangen. Und das Neue ist bereits da.
Herzlich, Annette
🔥🔥🔥
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